Eine noch

Fisch heißt Yú, wusstest du das? Und Lú, Lú heißt dumm. Ist das nicht ulkig? Ich sehe doch, du findest das auch lustig. Tu doch bitte nicht so. So verkrampft. Was ist los? Fahre ich dir zu schnell? Yú Lú, du dummer Fisch.

Nein Danke. Nicht für mich. Jetzt nicht. Du weißt doch, ich will damit aufhören. Mit dem Zeug. Stinkiges Zeug. Schau dir mal meine Finger an. Ganz gelb. Gelber Fisch. Dummer Fisch. Bei der Maniküre war mir das richtiggehend peinlich. Sie meinte dann auch gleich, es gäbe einen Nagellack für vergilbte Fingernägel. Unglaublich, oder? Die Industrie lässt sich da ganz schön was einfallen, um unsere kleinen Schwächen zu kaschieren.

Du hast es schon hinter dir. Klar. Du bist ja auch so willensstark. Ich höre auf. Zack. Das war’s. Gelb vor Neid. Das könnte ich glatt werden. Und jetzt willst du mich auf die Probe stellen? Aber nein. Das könnte dir so passen, dass ich mir jetzt eine nehme, nicht wahr. Noch 20 Kilometer, dann sind wir da. Das brauch ich mir erst gar keine anstecken. Haste gesehen? Das Schild. 20 Kilometer. Ich bitte dich. Das ist, selbst wenn sich die dusseligen Laster weiterhin auf der linken Spur tummeln, als hätten sie sich gegen mich verschworen, das ist gerade mal noch ne gute viertel Stunde. Und ne viertel Stunde ohne Zigarette – das ist nun wirklich kein Problem für mich.

Gestern zum Beispiel. Gestern Morgen. Da war ich so standhaft. Gerade mal drei habe ich geraucht bevor ich los bin zur Arbeit. Sonst waren das immer fünf. Mit Muss. Na, sonst habe ich die Zeitungslektüre auch gar nicht verdaut. Ehrlich. Das ist morgens nicht so einfach. Wenn sich unser Bürgermeister über die Attraktivität der Innenstadt auslässt und gleich daneben steht dieser Artikel von dem Unfall am Wochenende. Der mit der Toten. Hochschwanger war dir. Und stell dir vor, so ein Rettungssanitäter, was macht der? Er holt das Kind auf die Welt. Mitten auf der Autobahn. Auf diese Welt mit ihren Lastern, Unfällen und attraktiven Innenstädten. Ob es sich später mal dafür bedanken wird? Also, das Kind? Na jedenfalls, wenn ich so etwas morgens lese, bitte, das geht eigentlich gar nicht ohne Zigaretten. Aber es waren gestern nur drei. Das ist doch gar nichts. Schau, fast die Hälfte. Da kannste mal sehen. Während sich andere schlaftrunken hemmungslos ihren Gelüsten hingeben, zeige ich mich als Meisterin der Selbstbeherrschung. Einfach mal so auf die Hälfte reduziert. An einem Tag. Das nenne ich einen Erfolg.

In dem Buch mit den Schriftzeichen, den chinesischen, du weißt schon, Yú und Lú, also in diesem Buch habe ich nach einem Motiv gesucht. Eine Tätowierung, dachte ich mir, na, das wär’n Ding. Mit 40 das erste Tattoo. Stell dir das doch mal vor? Und die Eltern, wie die gucken würden. Ihre anständige Tochter hat – uuuh – ein Tattoo. Aber ich bin ja alt genug. Da kann ich so etwas doch selbst entscheiden. Die müssen es ja auch gar nicht zu sehen bekommen. Na jedenfalls dachte ich: Ein Fisch auf der Schulter. Oder vielleicht doch auf dem Oberarm? Was meinst denn du? Allerdings, und das hat mich dann doch etwas stutzig gemacht, eine Kollegin hat mir erzählt, dass Tätowieren süchtig macht. Du, das wär was. Ich höre endlich mit der blöden Qualmerei auf und bin dann in einem Jahr von oben bis unten tätowiert. Mit Fischen. Ein wandelndes Aquarium. Fisch, Fisch, Fisch. Yú, Yú, Yú. Plitsch Platsch. Bitte – und in 30 Jahren? Dann sehe ich vielleicht aus. Na, das geht doch eigentlich gar nicht, oder? Wabbelige Zitteraale. Dann ist er aber ganz schnell aus, der Traum von der schmucken Körperbemalung. Leierige Heringe. Ein bizarrer Schwarm schwimmender Stichlinge. Stichlinge. Tattoos. Na? Verstehst du? Das hätte natürlich wieder was.

Und so was hält ja. Die gehen ja richtig unter die Haut mit ihren Nadeln und der Farbe. Lebenslänglich hätte ich was davon.

Rauchen kann tödlich sein. Schau, da steht es. Auf der Packung. Aber mal ehrlich: Ist das Leben an sich nicht tödlich? Nun, dann würden wohl die ganzen Fische mit mir untergehen. Das große Fischsterben. Allerdings, du, wenn ich rauche, dann lebe ich vermutlich gar nicht so lange. Also wenn man diesen Packungsaufdrucken Glauben schenken darf zumindest. Überleg doch mal. Das hieße ja auch, dass die kleinen Fischlein nicht mit meiner Haut über die Jahre dahinwelken würden. Wenn das kein Argument für das Rauchen ist, meinst du nicht? Ich sehe schon die Schlagzeile: Schönere Tattoos – dank Nikotinkonsum. Warum eigentlich Konsum? Genuss. Nikotingenuss. Ach, sieh mal an. Die Ausfahrt. Direkt vor unsere Nase. Na bitte. Das ging doch recht flott, oder? Ich schätze mal, na, eine Zigarettenlänge, dann sind wir am Ziel. Eine noch.

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