Tante Toffifee

Tante Toffifee ist tot.
Die Nachricht wurde uns an einem strahlend sonnigem Sonntag überbracht. Der erste Sonnen-Sonntag seit Sommeranfang.
So was aber auch, entfuhr es Hilde.

Tante Toffifee hieß eigentlich Hammerschmitt. Frau Hammerschmitt. Mit Doppel-T. So stand es auf dem Klingelschild.

Tante Toffifee war – man könnte fast sagen: der Torwächter im Hinterhaus. Nicht, dass der Vermieter sie beauftragt hätte. Sie konnte nicht anders. Concierge aus Berufung. Eigener Berufung, wohl gemerkt. Und dieses selbst zuerkannte und mit höchst persönlicher Machtvollkommenheit ausgestattete Ehrenamt erledigte sie absolut zuverlässig.

Tante Toffifees dunkle Erdgeschosswohnung hatte zwei Fenster zum Hof. Eines von der Küche aus und das andere vom Wohnzimmer. Die Küche war direkt neben der Haustür, die in die oberen Stockwerke führte. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie jeden, der vor der Tür stand und klingelte, am Schlawittchen packen können. So nah dran war sie an allem und jedem. Das tat sie aber nicht. Jedenfalls, nicht dass ich wüsste.
Aber die Tür, die hatte sie genau unter Kontrolle.

.Nicht selten kam ich von der Uni nach Hause, und noch ehe ich mein Fahrrad abgeschlossen hatte, wurde ich von ihr empfangen: Da war ein junger Mann, der von letztem Freitag, wissen Sie? Der wollte zu Ihnen hoch. Fräulein Hilde war auch nicht da. Er ist dann gegangen. Käffchen?

Käffchen hieß, man saß mindestens 30 lange Minuten in dem dunklen Wohnzimmer mit den Raum einnehmenden Möbeln und den Plastiknelken auf dem schweren Tisch. Der Kaffee war dünn. Die Dosenmilch, direkt aus der gelblich verklebten Konserve, dick. Der Zucker, in einem Töpfchen gereicht, das die gleichen Blumen schmückte wie die Tässchen und Tellerchen, klumpte. Es war feucht in der Wohnung. Feucht und düster.
Meine Angina macht mir zu schaffen. Angina pectoris, wissen Sie?
Ja, ich wusste. Jedes Mal bekam ich die Leidensgeschichte samt dünnem Kaffee und dicker Milch aufgetischt. Aber es gab auch Toffifees. Klebrige, süße, goldene Toffifees mit einem gleichmäßigen, glänzenden Fleck dunkler Schokolade in der Mitte. Und die galten für uns in Studententagen als rare Delikatesse.

Ich war noch unten, bei Tante Toffifee.
Und, wie geht es ihrer Angina? Pectoris, du weißt schon?

Das war dann die Begrüßungs-Floskelei, wenn ich oben in unserer Wohnung angelangt war.

Einmal hatten wir nachgeforscht, was denn diese Angina pectoris eigentlich ist. Schmerz und Enge in der Brust, Durchblutungsstörungen in den Herzkranzgefäßen. Mögliche Ursachen: körperlich oder psychisch möglich.
Und ich dachte, das ist so etwas wie eine dauerhafte Erkältung? bemerkte Hilde erstaunt.

Und nun teilte ihr Sohn uns an jenem Sonntag mit, dass die Hammerschmitt tot ist.
Ich dachte, Sie sollten es wissen. Meine Mutter hat erzählt, dass Sie ihr ab und zu Gesellschaft geleistet haben. Sie ist einfach eingeschlafen.

Betroffen sah er nicht aus, als er so vor uns stand in seinem schicken, dunklen Anzug. Etwas verschwitzt. 97 Stufen, Hilde hatte sie einmal gezählt, musste er zu uns hochsteigen, um uns zu sagen, dass seine Mutter gestorben ist. Er sagte es, machte auf dem Absatz seines eleganten Lederschnürrschuhs kehrt und stieg die Treppen wieder hinunter.

Er hatte sehr viel Geld. Das sah man. An dem Anzug. Und einmal hatte ich gesehen, wir er Tante Toffifee in seinen Wagen geholfen hatte. Ein großer Wagen, schwarz, glänzend. Tante Toffifee, die mir gerade einmal bis zur Schulter reichte und so leicht wirkte, dass sie ein Kissen hätte erdrücken können, verschwand in dem großen Wagen, wie nichts. Auf dem Schoß hielt sie ihren beigefarbenen Nylonbeutel, mit dem sie auch immer einkaufen ging. Da sind sicher unsere Toffifees drin, musste ich unwillkürlich denken.

Nur dreimal in den fünf Jahren, die wir hier wohnten, hatte ihr Sohn sie abgeholt. Das wussten wir genau, weil es, neben der Angina pectoris, die zweite Attraktion war, über die Tante Toffifee gerne sprach. Der Klaus, ja, der tut was für die Gesellschaft. Und der hat es weit gebracht. Er macht in Wohnungen. Und dann zog sie meist ein kleines Album hervor, hell mit dunklen, grünen, abgegriffenen Ecken, in dem Fotos waren. Klaus als Baby in einem Taufkleidchen. Klaus als Kind mit Lederbuxe und mit einer roten Schaufel. Klaus in der Schule, mit einem Ranzen, der weit über die Schultern hervor guckte. Dann noch einige als Jugendlicher. Eines mit Anzug und Krawatte und einem Aktenkoffer, der von seiner mittlerweile recht fleischigen Hand gehalten wird, die rechte Hand lässig in der Jackentasche. Und dann nichts mehr.

Als ich dieses Loblied auf Klaus zum ersten Mal gehört hatte, erfuhr ich, dass er Immobilienmakler war. Und dass er mit seiner Familie im Norden der Stadt wohnte. Im Grünen. Zwei Enkelchen habe ich, erzählte Tante Toffifee stolz, die Marlies und den Jonas. Dabei bog sie zwei ihrer kleinen, krummen Finger auseinander. Und wenn sie der Klaus mit dem Wagen abholte, dann, um ins Grüne zu fahren, zu der Familie.

Ihr Sohn war erfolgreich. Einmal stand sogar ein Artikel über sein Unternehmen in der Tageszeitung. Das ganze Agnesviertel ist in seiner großen Hand. All die schönen Altbauwohnungen mit Stuck an der Decke und Parkett auf den Böden. Ein schönes Viertel. Sehr attraktiv. Hier leben viele junge Paare mit einem Kind und zwei Autos, die sonntags zum Brunch in das Spitz gehen und montags zur Maniküre.

In unserem Hinterhof wohnten nur Studenten. Meist zu zweit oder dritt in den Wohnungen. Und natürlich Tante Toffifee. Ach, ich will hier gar nicht fort. Wo sollte ich auch hin?  meinte Tante Toffifee ein paarmal.

Oh, da wäre mir eine Menge eingefallen, dachte ich, beispielsweise in eine helle, warme Wohnung, eine von denen, die der große Klaus unter seinen Fittichen hatte. Das dürfte ja nicht so schwer sein. Ich sagte aber: Wir sind auch froh, dass Sie hier sind. Und nahm mir noch eins von den verlockend süßen Toffifees.

Sicher, manchmal konnte die alte Frau uns schon strapazieren mit ihrer ständigen Angina-Klage und ihrer Neugierde. Aber wir hatten uns andererseits irgendwie an sie gewöhnt. Und tatsächlich – manchmal war es auch recht nützlich, über alle Bescheid zu wissen. So erfuhr ich immer sehr schnell, wenn jemand ausziehen wollte, und auch, wer die neuen Mieter waren. Oder wenn meine Mitbewohnerin Besuch hatte, und ich besser nicht stören sollte. Und mit einem überraschenden Heute gibt es bei Ihnen wohl Rouladen? Das Fräulein Hilde war beim Fleischer“ ließ sie mich schon mal die 97 Stufen in Windeseile überwinden.

Zu gerne hätte ich den großen Klaus aufgehalten, als er die Treppen wieder nach unten trabte. Wie hieß Ihre Mutter eigentlich mit Vornamen, hätte ich gerne gefragt. Aber wir standen nur da. So was aber auch.

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